Was für ein Privileg, hier leben zu dürfen!
Was für ein Privileg, hier leben zu dürfen!
Eines Morgens wacht man auf, ist 37 und kommt an einem Marktstand mit Polyester-Strick-Leggins in Neonfarben vorbei. Und irgendwas hat sich verändert. Nicht dass ich bisher Polyester-Strick-Leggins in Neonfarben getragen habe. Aber ich hätte es gekonnt und es hätte irgendwie witzig ausgesehen. Jetzt wäre es wohl nur noch peinlich.
Auch die Zeit, in der man eine durchfeierte Nacht wegsteckt sind vorbei. Inzwischen bringt mich schon ein verlängerter Fernsehabend in Schwierigkeiten.
Alle paar Jahre den Partner zu wechseln wurde schon mit mitte 30 nahezu unmöglich. Alle gleichaltrigen Männer sind so sehr mit Familiengründung, Karriere und ihrem Smartphone beschäftigt, dass für einen Flirt keine Zeit bleibt und Ernsteres sowieso ausfällt.
Auch meine Wohnungswechselfrequenz ist stark zurück gegangen. War es bis vor 2006 noch alle 1-2 Jahre, wohne ich jetzt schon 5 Jahre in meiner jetzigen Wohnung.
So langsam schwant mir, dass es spätestens in drei Jahren schwierig werden könnte, alle paar Jahre Branche, Tätigkeit und Job komplett zu wechseln, wie ich es bisher getan habe.
An sich sind es schöne Gedanken, denn es ist auch etwas anstrengend, alle paar Jahre Job, Mann und Wohnung zu wechseln. Ein wenig Ruhe schadet nicht. Nur kann ich nicht behaupten, bisher den Mann, Job oder die Wohnung gefunden zu haben, mit dem/der ich den Rest meines Lebens leben möchte. Da sollte ich wohl langsam mal in die Puschen kommen.
Was so eine Polyester-Strick-Leggins am Morgen so alles auslösen kann…
Um mich beginnt das große Krebs-Sterben und da ich vor habe, mit 60 auf Weltreise zu gehen um irgendwann kerngesund tot vom Pferd zu fallen, dachte ich mir, ich mache dieses Jahr mal alle von der Krankenkasse empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen (und anderes Gesundheitsförderndes, aber dazu später mehr).
So weit der Plan, auf der Suche nach der Antwort auf die Frage „Welche Vorsorgeuntersuchungen empfiehlt mir meine Krankenkasse?“ stelle ich fest: Wenn man genug Untersuchungen machen lässt, bekommt man auch noch Geld zurück! Ich beantrage ein Passwort zur Website mit dem ich dann ein Sammelheftchen für Kind und mich beantrage. Wieder eine Stunde vorm Rechner, die man gewiss gesünder hätte verbringen können, aber was tut man nicht alles für die Gesundheit.
Zwei Wochen später habe ich ein „Bonus-Heft“ im Briefkasten. Toll – Stempel sammeln wie im Tante-Emma-Laden. Jetzt möchte ich natürlich auch Stempel, also müssen fix ein paar Arzttermine her.
Das erweist sich als schwieriger als gedacht. Erste Station Frauenarzt – eine entfernte Bekannte von mir – das wird einfach. Online Terminkalender auf und … oh … keine Termine bis Ende Juni, weiter geht dieser Kalender nicht. Kein Problem, ich ruf‘ da an, mach’s etwas dramatischer als es ist, lasse leise durchklingen, dass ich quasi beste Freundin von… Anrufbeantworter. Noch fünf mal Anrufbeantworter. Ich mag die Dinger nicht, der Rückruf kommt garantiert, wenn ich an der Supermarktkasse stehe und ich darf dann vor der gaffenden Meute meine Brustprobleme erläutern. Nach mehreren erfolglosen Tagen kapituliere ich und spreche auf den AB. Es kommt tatsächlich ein Rückruf, aber kein Termin. Nur so aus Neugier geb‘ ich dann mal „Privatpatient“ in den Online-Terminkalender ein – sieh da, drei freie Termine am Tag. Ich fühle mich so gedemütigt, unerwünscht und verarscht, dass ich den nächsten Versuch voraussichtlich erst mache, wenn der Knoten die Körbchengröße um zwei Nummern vergrößert hat (was kein Fehler währe – endlich ein B-Körbchen).
Jetzt muss Kind herhalten: der Schulzahnarzt hat ein Loch im Milchzahn gefunden. Termin bei der Kinder-Zahnarztpraxis! Mit Grippe in den Bus (für die Gesundheit), 45 Minuten im Tollywood der Zahnärzte (Wartezimmer), ich sehne mich nach einsamen Wald. Gespräch im Behandlungsraum:
Ärztin: „Da ist ein Loch im Milchzahn.“
Ja, weiß ich.
Ärztin: „Da müssen wir … da muss dann aber auch … und dann können wir noch … “
Kein Problem, legt los!
Ärztin: „Ja, da müssen sie dann noch mal drei Termine vereinbaren.“
Können Sie nicht vielleicht jetzt…?
Ärztin: “ “
Ärztin: „Das kostet dann aber, weil die Kasse zahlt nur …, aber da sagen wir dann auch vorher Bescheid“
Aha, könnten Sie vielleicht das machen, was die Kasse zahlt?
Ärztin: „Nein, das machen wir nicht, das wäre dann ja nur ein Provisorium“
Hm, Milchzähne sind doch irgendwie auch nur ein Provisorium der Natur…
Aber wir haben einen Stempel. Tataaaaaa.
to be continued…
Wieder Hufschmied, diesmal mit dem guten Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: ich habe um Hilfe gebeten.
Tammis Züchter, die sie vom ersten Tag an kennen und schon hunderte von Pferden haben beschlagen lassen, waren da. Meine Aufgabe war es, quasi nicht da zu sein. Tammi bekam zusätzlich etwas Beruhigungsmittel und alles lief ruhig, entspannt und gelassen ab.
Ein schöner Erfolg. Mein Pony geht mit der Erfahrung, dass Schmied kein Stress sein muss, aus der Situation heraus.
Ich war dennoch ein paar Tage traurig. Weil deutlich geworden ist, wie unsicher und nervös ich in der Situation bin. Wie wenig ich mich selbst beruhigen kann. Weil ich meinem Pony bei den Malen zuvor nicht der Fels in der Brandung war, den sie gebraucht hätte (ich war leider eher der Sturm, der die Wellen erst hat anschwellen lassen).
Ich wünsche mir mehr Vertrauen. Mehr Vertrauen im mich und mein Bauchgefühl. Mehr Vertrauen in mein Pony, das mir offen und zugewandt entgegentritt. Mehr Vertrauen, dass zwischen uns eine wertvolle Partnerschaft wächst.
Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die für uns da sind. Menschen, die nicht auf mich herabschauen, weil ich Schwäche zeige, sondern uns helfen, aus der Situation zu lernen und sie später allein bewältigen zu können. Danke!
Bereits sehr früh in unserer gemeinsamen Zeit bemerkte ich, dass Tamina Angst vor dem Carrot-Stick hat. Vielmehr vor einer ganz bestimmten Bewegung des Stick mit der entsprechenden Flugbahn des Seilchens: von schräg hinten oben kommend.
Etwas ratlos beschloss ich, die Zeit für mich arbeiten zu lassen und den Stick zu nutzen, ohne dass dabei etwas für Tammi unangenehmes geschieht. Unbewusst habe ich in der folgenden Zeit wohl genau diese Bewegung vermieden und über die vielen anderen kleinen „Baustellen“ geriet das Thema offen gestanden in Vergessenheit.
Bis mich vor kurzem eine Freundin besuchte und eben diese Bewegung mit dem Stöckchen machte, ohne sich etwas dabei zu denken. Als Tammi mit schreckgeweiteten Augen rückwärts durch die halbe Reithalle floh wurde mir klar, dass wir an diesem Thema arbeiten müssen.
Meine Freundin kam gerade von einem Honza Bláha Kurs und bemühte sich, mir dessen Konzept zu vermitteln. Ich habe dann mal irgendwas gemacht was sich grob so beschreiben lässt: ich schwinge mit reichlich Abstand zum Pony den Carrot-Stick und höre damit auf, sobald Pony zu mir kommt. Frei nach dem Motto „Komm zu mir und alles wird gut“ – klingt doch nach einem plausiblen Konzept. Pony hat das auch ziemlich schnell verstanden.
Dass dieses Konzept so seine Tücken hat, bemerkte ich beim nächsten Longieren. Sobald ich das Stöckchen auch nur leicht erhob, drehte Frau Tamina sich zu mir und kam in die Mitte. Hatte ich ihr ja so beigebracht. Und da bei mir in der Mitte stehen sowieso ihre Lieblingsbeschäftigung ist, ist ihr das natürlich die liebere Variante, als weiter auf dem Zirkel zu marschieren. Schlaues Pony…
Ich brauchte eine Weile, um zu kapieren, was hier gerade schief läuft und warum. Wir beendeten diese Einheit recht schnell und beiderseitig frustriert.
Nach viel Nachdenken ziehe ich für mich daraus die Lehre, mir in Zukunft sehr genau zu überlegen, was ich tue, wie ich es tue und warum ich es tue. Ganz besonders dann, wenn es eine neue Idee ist. Denn oft liegt die Tücke im Detail und mit „irgendwas“ überzeugt man Pferd sicher nicht von seiner Führungskompetenz…
Und so sind wir weiter auf der Suche nach einem ausgewogenen Verhältnis zum Carrot-Stick.
Michael Geitner schreibt: „Sie trainieren nie für heute, sondern immer für morgen!“ Wenn dem so ist, waren meine beiden Stunden mit einer Natural Horsemanship-Trainerin ein großer Erfolg. Denn beide Male ist am nächsten Tag etwas ganz Besonderes passiert.
Das Erste lässt sich kaum beschreiben, ohne dass es furchtbar kitschig klingt, ich wage dennoch den Versuch: Pony und ich allein in der Reithalle, wir wiederholen die Bodenarbeits-Übungen vom Vortag. Als unser beider Konzentration nachlässt, legen wir eine kleine Pause ein. Diese Pause ist so zauberhaft, dass ich sie lange und mit tausend kleinen inneren Freudenhüpfern auskoste. Tammi steht vor mir und lässt vollkommen entspannt ihren Kopf sinken und ich vergrabe mein Gesicht in dem weichen Fell zwischen ihren Ohren. So stehen wir und sind miteinander…
Ein Glücksmoment, an den ich mich mit warmer Freude im Bauch erinnere, liegt schon eine Weile zurück, in der Weidesaison. Tammi war noch nicht lange bei mir, als ich an einem sonnigen Vormittag auf die Weide kam. Zuckerschnute hob den Kopf aus dem saftigen Gras und kam gemächlich aber zielstrebig zu mir, um sich begrüßen zu lassen.
Was macht man mit einem so jungen Pferd? Sehr viele sehr kleine Schritte! Wir lassen uns mit allem viel Zeit, es drängt uns keiner und wir haben noch viele gemeinsame Jahre vor uns. Tammi darf sich an ihre neue Umgebung, ihre neuen Freundinnen und ihre neuen Menschen gewöhnen. Ich arbeite kurz, konzentriert und spielerisch mit ihr. Zerlege Stress und Aufgaben in viele kleine Teile, die wir einzeln angehen und dann wieder zusammenfügen. So sammeln wir viele kleine Erfolgserlebnisse und schaffen eine positive Grundstimmung. Die Idee geht auf und schon bald schenkt Tammi mir die ersten Königinnenmomente.
Und dann kam der Schmied…
Ihre weidegewöhnten Barhufe kamen nicht mit dem Betonuntergrund unter der Heuraufe zurecht. Ich merkte es zu spät, sie ging klamm, musste auf einem kleinen Extrasandpaddock stehen und letztendlich beschlagen werden. Die Woche auf dem Extrapaddock nutzte ich, um ihre Beine in alle nur erdenklichen Richtungen zu heben und zu ziehen und mit Hufratzer und vielem mehr gegen ihr Hufe zu klopfen und zu hämmern. Das alles mit vielen Pausen, viel kuscheln und viel loben und zuletzt auch recht problemlos. Dass Hufe heben nicht gerade Tammis Lieblingsübung ist, möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen, aber wir hatten passable Fortschritte gemacht. Der Tag des Hufschmieds war da, Tammis Laune miserabel und ich furchtbar aufgeregt und angespannt. Der Schmied leider auch. „Ich habe keine Angst, ein junges Pferd zu beschlagen“ warf er sich in die Brust und unter viel Schimpfen, Schreien und einigen ziemlich kräftigen Knuffen in Tammis Bauch waren nach ca 45 Minuten vier Eisen drauf. Ich fühlte mich grauenvoll und unsere Beziehung hat ihre ersten Schrammen.
Mittlerweile ist die tägliche Hufpflege dank eines kleinen Tricks völlig unproblematisch: wenn sie wegzieht oder hampelt bleibt der Huf oben, erst wenn sie sich entspannt, dann aber sofort, wird abgesetzt. Und auch die Eigenheit, mit den Hinterbeinen beim Absetzten genervt zu kicken, haben wir so gelöst: das Bein muss dann leider noch mal aufgenommen und „anständig“, d. h. selbstständig und langsam abgesetzt werden. Das Pony ist schlau, schon nach kurzer Zeit hat sie gemerkt, dass es viel schneller geht, wenn sie mitmacht.
Einigermaßen optimistisch ging es also in die zweite Runde: mit einem neuen Schmied, der als besonders geduldig gilt und auch immer eine kompetente Hilfe dabei hat. Zunächst war auch alles in Ordnung, Tammi besah sich neugierig die „fahrende Werkstatt“ und die zwei neuen Menschen, hob brav alle vier Füße und ich fing schon an, erleichtert aufzuatmen. Da kam der Faktor Zeit ins Spiel: nach einer Weile war mein Pony der Ansicht, dass es jetzt genug ist und begann wieder, die Hufe weg zu ziehen. Der Schmied arbeitete ruhig und ohne großes Schimpfen weiter mit ihr. Noch eine Weile später sagte uns das Pony, dass es nun wirklich genug ist und begann wieder zu kicken. Mir wurde mulmig und ich betete innständig, der Schmied möge sich beeilen. Das tat er nicht und mein Pony beschloss, da sie ja offensichtlich nicht verstanden wurde, noch deutlicher zu werden und trat beherzt nach dem hinter ihr vorbeigehenden Schmied. Es war ein eindeutiges: der soll weg, mir reichts. Dass an dieser Stelle dem gutmütigsten Schmied der Geduldsfaden reißt, ist nicht verwunderlich. Es gab eine kurze, sehr deutliche Zurechtweisung. Nun lagen bei allen Beteiligten die Nerven blank, dennoch kam auch dieser Termin irgendwie zu einem Ende. Nach 1 1/2 Stunden mit vier Eisen an den Füßen und einem schlechtem Gefühl im Bauch.
Das ist jetzt 6 Wochen her und damit rückt der nächste Hufschmiedtermin unaufhaltsam näher. Und ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich kann Tammi beibringen, die Füße zu heben. Ich kann sie an den Platz, an dem beschlagen wird, gewöhnen, indem ich sie dort anbinde, putze und füttere. Ich kann ihr Vertrauen in mich stärken, indem ich mich wie ein zuverlässiger Partner verhalte. Aber wie um alles in der Welt erkläre ich ihr, dass ich verstanden habe, dass sie nicht mehr kann und will, sie aber leider trotzdem durchhalten muss???
*Ich sage mit Absicht, Tammi hat „uns ausgesucht“. Ich war sehr skeptisch, als ich zu den mir lange bekannten Züchtern fuhr, um sie mir anzusehen. Doch was dann geschah, lässt mir immer wieder, wenn ich daran denke, das Herz weich werden: eine lustige Gruppe neugieriger Haflingermädchen umringt meinen 8-jährigen Sohn Lasse und mich, ganz vorne dabei unsere Tammi. Eine Stunde lang werden wir von allen Seiten begutachtet, vorsichtig begrabbelt und beschnuffelt. Besonders Lasses blonder Schopf wird intensiv und mit allen Sinnen untersucht. Tja, was soll man da machen, Kind und Pony waren sich einig und zwei Wochen später rollte der Pferdehänger in Tammis neues zu Hause 🙂