In letzter Zeit lese ich in den sozialen Medien immer wieder die Aussage, dass Pferde überhaupt nicht geritten, gefahren oder anderweitig „genutzt“ werden sollten. In Zeiten der Sensibilisierung für Missstände im Pferdesport vielleicht ein naheliegender Gedanke, der aber auch seine Tücken hat. Ich habe (beim Ausreiten) viel über das Thema nachgedacht und beschreibe hier meine ganz individuelle und persönliche Situation. Diese ist sicher nicht allgemein übertragbar, kann aber stellvertretend für viele Pferd-Mensch-Paare im Freizeitbereich gesehen werden.
Wildpferde und verwilderte Hauspferde (also Pferde, die nicht unter der Obhut von Menschen leben) leben auf sehr großen Flächen mit eher magerem Bewuchs. In seinem Webinar „Speisekarte der Pferde“ (August 2020) habe ich Marc Lubetzki gefragt, wie groß in etwa die Flächen sind, auf denen wildlebende Pferde leben und die Antwort war: 50 Hektar pro Pferd (!) bei normalem Bewuchs, 10 Hektar pro Pferd bei üppigem Bewuchs. Da „üppiger Bewuchs“ nicht mit unseren gedüngten, nährstoffreichen Böden, auf denen überwiegend Gräser und Kräuter, aber wenig Gehölze wachsen, nicht zu vergleichen ist, bewegen sich wildlebende Pferde täglich über große Strecken bei relativ wenig Kalorien in der Nahrung. Denn diese 10 – 50 Hektar sind ja kein „Weideland“, sondern enthalten Gebiete mit Bergen, Felsen, Wäldern… sprich auch Bereiche ohne (Gras)bewuchs.
In unserem Betrieb leben 18 Pferde und wir haben 6 Hektar Weidefläche zur Verfügung (was in einem Ballungsraum schon echt viel ist). Das heißt für Weidegang und Bewegung stehen 1/3 Hektar pro Pferd zur Verfügung, für die Fütterung wird Heu von weiteren Flächen zugekauft. Jedem dürfte klar sein, dass daraus weniger Bewegung und Sinneseindrücke für die Pferde resultieren. Pferde sind Fernwanderwild, sie mögen langes Laufen und wechselnde Umgebung. Das mangelnde Flächenangebot kann ich mit langen Spaziergängen durch unterschiedliche Landschaften, kleine Kletterpartien und Knabberpausen im Wald kompensieren (noch sind wir nicht beim Reiten, das kommt noch…).
Mein Pony ist eine Stute, Stuten in freier Wildbahn bekommen in einem großen Teil ihres Lebens jedes Jahr ein Fohlen. Sie sind tragend oder säugend oder beides. Wer mal ein Kind gestillt hat weiß: das frisst Kalorien ohne Ende! Die Genetik sagt meiner (leichtfuttrigen) Stute: friss soviel du kannst, das nächste Fohlen und der nächste Winter werden an dir zehren!
Ich möchte mit meiner Stute nicht jedes Jahr ein Fohlen ziehen, wo sollte ich denn hin mit all den süßen kleinen Haflingern? Also muss ich dafür sorgen, dass meine Stute viel weniger frisst als ihre Biologie ihr das vorgibt. Was zu einem sehr unglücklichen und magenkranken Pony führen würde.
Oder ich muss dafür sorgen, dass sie die Kalorien anderweitig los wird. Zum Beispiel durch Bewegung. Bewegung im Schritt wird dafür nicht ausreichen, ich müsste immer wieder längere Strecken joggen. Also lange Strecken. Ich rede da von 20 Minuten aufwärts. Es gibt Menschen, die können das, ich zolle hier großen Respekt an Marathonponys. Ich kann das nicht. Wir sind mal gejoggt und ich gebe zu, dass meine Stute großen Spaß daran hatte. Leider habe ich davon übelst Rückenschmerzen bekommen und es nach einem halben Jahr wieder aufgegeben. Natürlich könnte man longieren, aber mehr als 20 Minuten im Kreis traben ist für Körper und Geist auch nicht optimal. Aber gut, mit einer Kombination aus Joggen und abwechslungsreichem Longieren bekäme man das mit den Kalorien vielleicht noch hin.
Denn ein zu dickes Pony wird krank, nicht nur ein bisschen krank, sondern so richtig. Häufigste Folge von Übergewicht ist Hufrehe, das ist eine Entzündung im Huf. Ich stelle mir das vor wie eine Nagelbettentzündung. Auf der man drauf steht. Mit 500 kg Eigengewicht. Sowas wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht…
In freier Wildbahn gibt es Raubtiere. Diese jagen und fressen unter Umständen auch Pferde. Das löst in wild lebenden Pferdeherden immer mal wieder einen ordentlichen Adrenalinschub nebst spritziger Flucht im Galopp aus. Es ist Teil des „Überlebenskampfes“, schärft die Sinne und durchlüftet die Lunge. Auch wenn es nicht schön ist, hat das doch eine wichtige Funktion.
Im Galopp strömt wesentlich mehr Luft in die Lunge des Pferdes und diese erreicht auch Lungenregionen, die im Schritt nicht erreicht werden und es werden Reinigungsprozesse in Gang gesetzt. Sehr anschaulich erklärt Veronika Klein die Unterschiede der Belüftung der Lunge in verschiedenen Gangarten in ihren online Kursen. Zu tief möchte ich da jetzt nicht einsteigen, wer sich informieren möchte, dem kann ich „Kernkompetenz Pferd“ ans Herz legen.
Ich habe mit eigenen Augen Pferde gesehen, die in Ruhe keine Luft mehr bekommen. Weil die Lunge dicht ist, zugeschleimt durch unter Anderem Bewegungsmangel. Die stehen da, Nüstern und Augen aufgerissen und kriegen keine Luft! Wer Asthma hat, versteht, was ich meine. Kann man behandeln, aber ganz in Ordnung kommt die Lunge nie wieder.
Bei uns gibt es (noch) keine Raubtiere (an dieser Stelle bitte keine Wölfe-in-Deutschland-Diskussion!) und ich hatte auch nicht vor, in unregelmäßigen Abständen mal eins über unsere Weiden zu schicken. Das bekäme auch sicher den Pferden, die das Alter, das Pferde in freier Wildbahn erreichen, bereits weit überschritten haben, nicht gut. Und ohne triftigen Grund galoppiert mein Pony nirgendwo hin.
Aber ein bisschen Adrenalin, ein ordentlicher Galopp ab und zu, das muss schon sein. Und da ist dann Schluss mit Joggen. Longieren ist irgendwie auch raus, in hohem Tempo im Kreis ist nun wirklich nichts für die Gelenke. Da bin ich dann endgültig an dem Punkt, an dem ich auf den Ponyrücken klettere und mir den Wind durch die Haaren wehen lasse (natürlich nur sinnbildlich, ich trage Reithelm).
Genauer gesagt bereite ich mein Pony zunächst mental und körperlich gründlich darauf vor, einen Reiter zu tragen. Dann stärke ich systematisch diese Fähigkeiten durch ein regelmäßiges Training. Das kann dann schon mal Jahre dauern. Dann wähle ich einen geeigneten Weg, bestenfalls noch verantwortungsvolle Mitreiter und dann… Und dann hat nämlich auch das Pony Spaß daran und das ganze geht zur allgemeinen Freude und Gesundheit vonstatten. Und spätestens da muss ich dann halt doch reiten!
Für alle, denen diese Ausführungen zu theoretisch sind, ein kleines Gedankenspiel (bitte nicht zu ernst nehmen): Wie würde ich leben, wenn ich so leben würde wie mein Pony?
Zunächst würde ich in einer WG mit, sagen wir mal, Kollegen wohnen. Keine ätzenden Kollegen, sondern welche, die echt ok sind. Gelegentlich wechselt ein Kollege die WG, mal hat man einen richtig guten Freund dabei, gibt aber auch Phasen, wo die halt ok sind. Man kommt aus miteinander und mit manchen lebt man echt lange zusammen.
Den größten Teil des Tages würde ich mit Essen verbringen. Eine kleine Portion absolutes Lieblingsessen (Gras), eine größere Portion leckeres Essen (Heu) und, naja, Multivitamintablette (Mineralfutter).
Zum Schlafen hätte ich ein Einzelzimmer, was nicht schlecht ist, wenn gerade ein neuer Kollege in die WG eingezogen ist, mit dem man noch nicht warm geworden ist.
Einmal am Tag kommt mein personal Trainer vorbei. Ist schon seit 10 Jahren mein personal Trainer, wir verstehen uns ohne Worte. Wie immer hat er ein abwechslungsreiches Programm für mich ausgearbeitet: Gymnastik oder Ausdauertraining im Wald oder Krafttraining auf dem Sportplatz, gelegentlich auch Sportspiele (Horse Agility oder Zirzensik). Natürlich wird das Training detailliert protokolliert und regelmäßig Puls- und Atemwerte gecheckt. Ist manchmal anstrengend, aber hinterher geht’s einem eigentlich garnicht so schlecht. Geht meist so 1 1/2 Stunden das Training. Das beste an meinem personal Trainer ist, dass er alle meine Lieblingsjuck und -kraulstellen kennt und regelmäßig begrabbelt. Wenn ich mich anstrenge, freut sich mein personal Trainer wie Bolle und sagt mir ganz viele liebe Worte.
Ab und zu muss ich meinen personal Trainer beim Training tragen. In einer Kraxe (das sind diese Tragegestelle, in denen übermotivierte Eltern ihre Kinder beim Wandern tragen), diese ist genau an meinen Rücken angepasst und sitzt sehr gut. Trainer und Kraxe wiegen zusammen etwa 13% meines Idealgewichts, das sind bei mir ca 6,7 kg. Das ist schon was zu schleppen, aber der Schulranzen meiner Tochter ist im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht schwerer. Naja, die macht auch keinen Sport damit, aber ich hab das ja trainiert. Am Wochenende gibt es dann eine längere Wanderung mit Picknickpause. Das kann dann schon mal 3-4 Stunden laufen heißen, aber ca 1/3 vom Weg läuft mein Trainer eh selbst (man kann ja nicht ewig in so einer Kraxe hocken).
Ansonsten hab ich frei. Keine Hausarbeit, keine Erwerbsarbeit, keine Steuererklärung, kein nerviges Vereinbaren von Arztterminen (macht mein Trainer), keine beängstigenden Nachrichten aus der Welt, keine Ahnung von Klimawandel und Krieg, keine Kinder zum Sport fahren müssen,…
Also wenn mich einer fragt, ob ich mit meinem Pony tauschen würde: ich würde es ernsthaft in Betracht ziehen…

















