Blickschulung der anderen Art

Es ist Winter und im Winter ist es bekanntlich lange und früh dunkel. Das bedeutet für mich, dass ich in einem Großteil der Zeit, die ich mit den Pferden verbringe, eine Stirnlampe auf dem Kopf habe. Eine Stirnlampe leuchtet, wenn sie einigermaßen mittig auf den Kopf sitzt, dahin, wohin man schaut. Diesen Umstand nutze ich im Winter gerne, um mich selbst zu beobachten: wo schaue ich eigentlich hin? Dem Pferd mitten ins Gesicht? Oder auf die Hufe? Zu Vor- oder Hinterhand? Auf den Weg oder in der Gegend herum?


Ich finde das sehr spannend, denn Pferde kommunizieren auch über Blick/Blickrichtung. Ihre Kopfbewegungen haben eine Bedeutung und bestimmt nehmen sie auch unsere Blicke und Kopfbewegungen sehr genau wahr.


Ich gehöre eindeutig zu den „Anstarrern“. Ich finde Pferde so schön, dass ich sie am liebsten permanent anschauen möchte. Sicher nicht angenehm, beim Spaziergang durchgehend angestarrt zu werden… Das habe ich mir deshalb auch mühsam abgewöhnt. Nicht zuletzt durch den kleinen Trick mit der Stirnlampe ist mir das überhaupt erst bewusst geworden.


Auch das Winterdunkel hat seine guten Seiten 😉

Warum ich mein Pferd reite

Warum ich mein Pferd reite

In letzter Zeit lese ich in den sozialen Medien immer wieder die Aussage, dass Pferde überhaupt nicht geritten, gefahren oder anderweitig „genutzt“ werden sollten. In Zeiten der Sensibilisierung für Missstände im Pferdesport vielleicht ein naheliegender Gedanke, der aber auch seine Tücken hat. Ich habe (beim Ausreiten) viel über das Thema nachgedacht und beschreibe hier meine ganz individuelle und persönliche Situation. Diese ist sicher nicht allgemein übertragbar, kann aber stellvertretend für viele Pferd-Mensch-Paare im Freizeitbereich gesehen werden.

Wildpferde und verwilderte Hauspferde (also Pferde, die nicht unter der Obhut von Menschen leben) leben auf sehr großen Flächen mit eher magerem Bewuchs. In seinem Webinar „Speisekarte der Pferde“ (August 2020) habe ich Marc Lubetzki gefragt, wie groß in etwa die Flächen sind, auf denen wildlebende Pferde leben und die Antwort war: 50 Hektar pro Pferd (!) bei normalem Bewuchs, 10 Hektar pro Pferd bei üppigem Bewuchs. Da „üppiger Bewuchs“ nicht mit unseren gedüngten, nährstoffreichen Böden, auf denen überwiegend Gräser und Kräuter, aber wenig Gehölze wachsen, nicht zu vergleichen ist, bewegen sich wildlebende Pferde täglich über große Strecken bei relativ wenig Kalorien in der Nahrung. Denn diese 10 – 50 Hektar sind ja kein „Weideland“, sondern enthalten Gebiete mit Bergen, Felsen, Wäldern… sprich auch Bereiche ohne (Gras)bewuchs.

In unserem Betrieb leben 18 Pferde und wir haben 6 Hektar Weidefläche zur Verfügung (was in einem Ballungsraum schon echt viel ist). Das heißt für Weidegang und Bewegung stehen 1/3 Hektar pro Pferd zur Verfügung, für die Fütterung wird Heu von weiteren Flächen zugekauft. Jedem dürfte klar sein, dass daraus weniger Bewegung und Sinneseindrücke für die Pferde resultieren. Pferde sind Fernwanderwild, sie mögen langes Laufen und wechselnde Umgebung. Das mangelnde Flächenangebot kann ich mit langen Spaziergängen durch unterschiedliche Landschaften, kleine Kletterpartien und Knabberpausen im Wald kompensieren (noch sind wir nicht beim Reiten, das kommt noch…).

Mein Pony ist eine Stute, Stuten in freier Wildbahn bekommen in einem großen Teil ihres Lebens jedes Jahr ein Fohlen. Sie sind tragend oder säugend oder beides. Wer mal ein Kind gestillt hat weiß: das frisst Kalorien ohne Ende! Die Genetik sagt meiner (leichtfuttrigen) Stute: friss soviel du kannst, das nächste Fohlen und der nächste Winter werden an dir zehren! 

Ich möchte mit meiner Stute nicht jedes Jahr ein Fohlen ziehen, wo sollte ich denn hin mit all den süßen kleinen Haflingern? Also muss ich dafür sorgen, dass meine Stute viel weniger frisst als ihre Biologie ihr das vorgibt. Was zu einem sehr unglücklichen und magenkranken Pony führen würde.

Oder ich muss dafür sorgen, dass sie die Kalorien anderweitig los wird. Zum Beispiel durch Bewegung. Bewegung im Schritt wird dafür nicht ausreichen, ich müsste immer wieder längere Strecken joggen. Also lange Strecken. Ich rede da von 20 Minuten aufwärts. Es gibt Menschen, die können das, ich zolle hier großen Respekt an Marathonponys. Ich kann das nicht. Wir sind mal gejoggt und ich gebe zu, dass meine Stute großen Spaß daran hatte. Leider habe ich davon übelst Rückenschmerzen bekommen und es nach einem halben Jahr wieder aufgegeben. Natürlich könnte man longieren, aber mehr als 20 Minuten im Kreis traben ist für Körper und Geist auch nicht optimal. Aber gut, mit einer Kombination aus Joggen und abwechslungsreichem Longieren bekäme man das mit den Kalorien vielleicht noch hin. 

Denn ein zu dickes Pony wird krank, nicht nur ein bisschen krank, sondern so richtig. Häufigste Folge von Übergewicht ist Hufrehe, das ist eine Entzündung im Huf. Ich stelle mir das vor wie eine Nagelbettentzündung. Auf der man drauf steht. Mit 500 kg Eigengewicht. Sowas wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht…

In freier Wildbahn gibt es Raubtiere. Diese jagen und fressen unter Umständen auch Pferde. Das löst in wild lebenden Pferdeherden immer mal wieder einen ordentlichen Adrenalinschub nebst spritziger Flucht im Galopp aus. Es ist Teil des „Überlebenskampfes“, schärft die Sinne und durchlüftet die Lunge. Auch wenn es nicht schön ist, hat das doch eine wichtige Funktion. 

Im Galopp strömt wesentlich mehr Luft in die Lunge des Pferdes und diese erreicht auch Lungenregionen, die im Schritt nicht erreicht werden und es werden Reinigungsprozesse in Gang gesetzt. Sehr anschaulich erklärt Veronika Klein die Unterschiede der Belüftung der Lunge in verschiedenen Gangarten in ihren online Kursen. Zu tief möchte ich da jetzt nicht einsteigen, wer sich informieren möchte, dem kann ich „Kernkompetenz Pferd“ ans Herz legen.

Ich habe mit eigenen Augen Pferde gesehen, die in Ruhe keine Luft mehr bekommen. Weil die Lunge dicht ist, zugeschleimt durch unter Anderem Bewegungsmangel. Die stehen da, Nüstern und Augen aufgerissen und kriegen keine Luft! Wer Asthma hat, versteht, was ich meine. Kann man behandeln, aber ganz in Ordnung kommt die Lunge nie wieder.

Bei uns gibt es (noch) keine Raubtiere (an dieser Stelle bitte keine Wölfe-in-Deutschland-Diskussion!) und ich hatte auch nicht vor, in unregelmäßigen Abständen mal eins über unsere Weiden zu schicken. Das bekäme auch sicher den Pferden, die das Alter, das Pferde in freier Wildbahn erreichen, bereits weit überschritten haben, nicht gut. Und ohne triftigen Grund galoppiert mein Pony nirgendwo hin.

Aber ein bisschen Adrenalin, ein ordentlicher Galopp ab und zu, das muss schon sein. Und da ist dann Schluss mit Joggen. Longieren ist irgendwie auch raus, in hohem Tempo im Kreis ist nun wirklich nichts für die Gelenke. Da bin ich dann endgültig an dem Punkt, an dem ich auf den Ponyrücken klettere und mir den Wind durch die Haaren wehen lasse (natürlich nur sinnbildlich, ich trage Reithelm).

Genauer gesagt bereite ich mein Pony zunächst mental und körperlich gründlich darauf vor, einen Reiter zu tragen. Dann stärke ich systematisch diese Fähigkeiten durch ein regelmäßiges Training. Das kann dann schon mal Jahre dauern. Dann wähle ich einen geeigneten Weg, bestenfalls noch verantwortungsvolle Mitreiter und dann… Und dann hat nämlich auch das Pony Spaß daran und das ganze geht zur allgemeinen Freude und Gesundheit vonstatten. Und spätestens da muss ich dann halt doch reiten!

Für alle, denen diese Ausführungen zu theoretisch sind, ein kleines Gedankenspiel (bitte nicht zu ernst nehmen): Wie würde ich leben, wenn ich so leben würde wie mein Pony? 

Zunächst würde ich in einer WG mit, sagen wir mal, Kollegen wohnen. Keine ätzenden Kollegen, sondern welche, die echt ok sind. Gelegentlich wechselt ein Kollege die WG, mal hat man einen richtig guten Freund dabei, gibt aber auch Phasen, wo die halt ok sind. Man kommt aus miteinander und mit manchen lebt man echt lange zusammen.

Den größten Teil des Tages würde ich mit Essen verbringen. Eine kleine Portion absolutes Lieblingsessen (Gras), eine größere Portion leckeres Essen (Heu) und, naja, Multivitamintablette (Mineralfutter). 

Zum Schlafen hätte ich ein Einzelzimmer, was nicht schlecht ist, wenn gerade ein neuer Kollege in die WG eingezogen ist, mit dem man noch nicht warm geworden ist.

Einmal am Tag kommt mein personal Trainer vorbei. Ist schon seit 10 Jahren mein personal Trainer, wir verstehen uns ohne Worte. Wie immer hat er ein abwechslungsreiches Programm für mich ausgearbeitet: Gymnastik oder Ausdauertraining im Wald oder Krafttraining auf dem Sportplatz, gelegentlich auch Sportspiele (Horse Agility oder Zirzensik). Natürlich wird das Training detailliert protokolliert und regelmäßig Puls- und Atemwerte gecheckt. Ist manchmal anstrengend, aber hinterher geht’s einem eigentlich garnicht so schlecht. Geht meist so 1 1/2 Stunden das Training. Das beste an meinem personal Trainer ist, dass er alle meine Lieblingsjuck und -kraulstellen kennt und regelmäßig begrabbelt. Wenn ich mich anstrenge, freut sich mein personal Trainer wie Bolle und sagt mir ganz viele liebe Worte.

Ab und zu muss ich meinen personal Trainer beim Training tragen. In einer Kraxe (das sind diese Tragegestelle, in denen übermotivierte Eltern ihre Kinder beim Wandern tragen), diese ist genau an meinen Rücken angepasst und sitzt sehr gut. Trainer und Kraxe wiegen zusammen etwa 13% meines Idealgewichts, das sind bei mir ca 6,7 kg. Das ist schon was zu schleppen, aber der Schulranzen meiner Tochter ist im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht schwerer. Naja, die macht auch keinen Sport damit, aber ich hab das ja trainiert. Am Wochenende gibt es dann eine längere Wanderung mit Picknickpause. Das kann dann schon mal 3-4 Stunden laufen heißen, aber ca 1/3 vom Weg läuft mein Trainer eh selbst (man kann ja nicht ewig in so einer Kraxe hocken).

Ansonsten hab ich frei. Keine Hausarbeit, keine Erwerbsarbeit, keine Steuererklärung, kein nerviges Vereinbaren von Arztterminen (macht mein Trainer), keine beängstigenden Nachrichten aus der Welt, keine Ahnung von Klimawandel und Krieg, keine Kinder zum Sport fahren müssen,…

Also wenn mich einer fragt, ob ich mit meinem Pony tauschen würde: ich würde es ernsthaft in Betracht ziehen…

Ein Kapitel für sich…

Ein Kapitel für sich…

Ein Familienmitglied habe ich hier noch nicht vorgestellt und das hat viele Gründe. Aber jetzt endlich werde ich das Versäumte nachholen und Wilmas Geschichte erzählen:

Im Oktober 2022 hat mein Mann sich den großen Wunsch nach einem Hund erfüllt und eine Mischlingshündin aus Bulgarien vom Tierschutz erworben. Wir haben das kleine Häufchen Angst und Elend, das sich am ganzen ersten Tag im Bad verkrochen hatte und nicht mehr heraus kam, Wilma genannt.

In den vergangenen zwei Jahren hat Wilma sich tief in mein Herz geschlichen, obwohl wir beide keinen guten Start hatten. Im Oktober 2022 hatte ich nämlich ganz andere Pläne und Ideen, in die ich Zeit und Energie investieren wollte. Das habe ich meinem Mann auch deutlich gesagt, aber irgendwie muss er das wohl überhört haben. Auch hielt ich schon damals wenig davon, im Namen des „Tierschutzes“ Hunde aus Rumänien, Bulgarien, etc. nach Deutschland zu karren. Eine Einstellung, die sich durch die Erfahrungen mit Wilma eindeutig bestätigt hat.

Während ich diesen Text schreibe, liegt sie (mit gebührendem Abstand) neben mir auf dem Sofa und wenn ich sie ansehe, quillt mein Herz über vor Zuneigung zu diesem zarten, sensiblen Hundemädchen. Trotzdem hätte ich mir (und ihr) so manche Erfahrung gerne erspart…


Im November 2024 hat Wilma sich endlich überwunden und kommt zu uns auf das Sofa…

Über Wilmas ersten sechs Lebensmonate wissen wir wenig: Laut Tierschutzorganisation hat Wilmas Mutter ihre Jungen in die Nähe des Shelters gebracht, weil die Hunde dort häufig gefüttert werden. Wilmas Mutter und ihre Geschwister wurden dort mit Futter angelockt und eingefangen, nur Wilma und ihre Schwester sind wohl entwischt und konnten erst nach etlichen Versuchen und einige Zeit später eingefangen und ins Shelter gebracht werden. Angeblich waren die zwei Welpen bis zum Einfangen zwei Wochen lang auf sich gestellt, aber das kann in Anbetracht des Alters der jungen Hunde kaum sein. 

Wilma erzählt uns eine ganz ähnliche Geschichte: geht ein Mensch in die Hocke, spricht freundlich und bietet ihr Futter an, so wird sie starr vor Angst. Sie anzufassen ist in dieser Konstellation unmöglich, sie lässt nicht einmal uns nah genug heran und springt reflexartig weg. Futter aus der Hand zu nehmen bereitet ihr Stress und sie ist in unserer Gegenwart selten absolut entspannt.

Interessanterweise hat sie sich von Anfang an völlig frei zwischen stehenden Menschen bewegt (solange niemand sie anschaut). Seit etwa einem Jahr kommt sie, wenn ich erhöht sitze (also z.B. auf einem Stuhl) und keine Absicht habe, zu mir und lässt sich anfassen und streicheln. Sobald ich eine Intention habe (ich möchte eine Zecke entfernen, anleinen, egal was), kommt sie auf keinen Fall nah genug zum Anfassen.

Im ersten Jahr war Wilma ein zutiefst unglücklicher Hund, nur mit anderen Hunden wirkte sie gelöst, dann war es sogar mitunter möglich, sie zu streicheln. Ich war in dieser Zeit sehr frustriert und hatte schon überlegt, ob Hunde Depressionen oder Autismus haben können. Aber ich glaube, sie war einfach traumatisierte. Die einzige Möglichkeit sie zu berühren bestand, wenn sie in ihrem Körbchen lag oder angeleint war. 


Nur entspannt im Spiel mit Hunden oder im Körbchen.

Da ich im Homeoffice arbeite, habe ich viel Zeit mit ihr verbracht (und viel mit meinem Mann gestritten, weil ich ja eigentlich andere Pläne hatte). Ich kann nicht mehr sagen, wann ich sie zum ersten Mal berührt habe, ohne dass sie ganz starr vor Angst war. Aber es war definitiv Monate nach ihrer Ankunft bei uns. 

Ich bin ein großer Fan der positiven Verstärkung und ich habe lange darüber nachgedacht, was bei diesem Hund denn ein positives Gefühl auslösen könnte. Womit bestärkt man ein Lebewesen, das sowohl bei Berührung, als auch bei Futter in totalen Stress gerät? Letztendlich war es das Abwenden, den Fokus von ihr zu nehmen, was ich als positiven Verstärker eingesetzt habe. Für mich eine extreme Überwindung, mich einfach nur abzuwenden, wenn ich ihr doch zeigen wollte, wie toll sie ist und wie lieb ich sie habe. Aber offensichtlich der richtige Weg, denn ganz langsam hat sie Vertrauen zu mir aufgebaut. 

Welch ein Glück, dass Wilma so ein sanftes Wesen hat. In all ihrer Angst hat sie nur in zwei Extremsituationen nach meinem Mann geschnappt. Bisher hat sie sich überwiegend sehr defensiv gezeigt, ist freundlich zu unserer Tochter (vor Kindern hat sie nämlich keine Angst), den Katzen und anderen Hunden. Auch zeigt sie glücklicherweise keinen Jagdtrieb und mit den Pferden kommt sie hervorragend klar. Tatsächlich läuft sie von Anfang an so souverän am Pferd, als ob sie das bereits gelernt hätte. 


Souverän am Pferd…


Es ist ein Balance-Akt, ihr etwas beizubringen. Sobald sie spürt, dass ich etwas vor habe, gerät sie in Stress und dann war’s das mit denken und lernen. Schafft man es, eine entspannte Situation zu schaffen und hat man die Geduld, das Ende der „oh mein Gott, sie will was von mir und ich weiß nicht was, ich muss jetzt gleich sterben“ Phase abzuwarten, dann ist es möglich, ihr etwas beizubringen. Noch besser lernt sie aber „on the Job“. Im Sommer 2023 war mein Mann mit unserer Tochter im Urlaub und in dieser Woche habe ich es (auch aus Zeitgründen) zur Gewohnheit gemacht, sie zum Pferde raus bringen und rein holen mitzunehmen. Die Abläufe hat sie (an der Leine geführt) so sehr verinnerlicht, dass ich sie heute auch ohne Leine mitnehmen und körpersprachlich anleiten kann. Dafür mussten wir keine Kommandos lernen, sie hat es einfach verstanden. 


On the Job: wir bringen die Pferde raus…

Ab Sommer 2024 habe ich für vier Monate Relax Time von mammaly gefüttert und das hat wirklich etwas verändert. Menschen am Hof (die nichts von dem Zusatzfutter wussten) haben mich angesprochen, dass Wilma aufgeschlossener wirkt. Tatsächlich kann ich mittlerweile mit Futterlob arbeiten, in gewohnten Situationen nimmt sie das Leckerchen an und freut sich sogar darauf. Wir haben riesige Fortschritte gemacht (riesig aus der Perspektive der 1 1/2 Jahre davor): sie hat das Kommando „Sitz“ erlernt und traut sich die Treppe hinauf in den ersten Stock unseres Hauses. Lag sie zuvor meist alleine im unteren Stockwerk (es hat mir schier das Herz zerrissen, ein Hund lebt doch eigentlich im Rudel mit Körperkontakt), kommt sie nun gelegentlich rauf zu uns auf’s Sofa. Natürlich nur, bis jemand eine unbedachte Bewegung macht…

Viel geholfen hat mir auch dieses Video von Hundsfaelle: Es hat mir ein breiteres Verständnis für die verschiedenen Hundetypen aus Osteuropa gebracht. Auch wurde mein diffuses Gefühl, dass es für den Tierschutz wenig bringt, einzelne Individuen nach Deutschland zu bringen, in für mich total einleuchtende Worte gefasst.

Ich habe nicht das Gefühl, dass Wilma sich gerettet fühlt. Ich würde sagen, sie fühlt sich entwurzelt. Oft schaut sie sehnsüchtig den Katzen nach, die rein und raus dürfen, wie sie möchten, und versteht nicht, warum sie nicht herumstromern darf. Sie ist nach wie vor nicht souverän, kleine Abweichungen von Routinen verunsichern sie. Sie hat glückliche Momente und beginnt, sich in unserer Gegenwart zu entspannen. Aber das war und bleibt ein verdammt langer Weg…

Wer sich für einen importierten Hund aus dem Tierschutz entscheidet, sollte bereit sein, sehr viel Zeit und Geduld zu investieren. Ein gut sozialisierter Ersthund ist vermutlich eine gigantische Erleichterung. Und man sollte sich sehr bewusst sein, dass es (in den meisten Fällen) eine egoistische Entscheidung ist: man nimmt einen Hund aus dem Tierschutz, weil man sich als Gutmensch fühlen möchte, weil man sich was beweisen will (ich kann jeden Hund managen), weil man preisgünstig einen süßen Hund sucht. Das ist ok, aber bitte erwarte keine Dankbarkeit von einem Hund, der sich nicht ausgesucht hat, „gerettet“ zu werden, der seine Veranlagungen und Fähigkeiten in seinem neuen zu Hause eventuell nicht ausleben kann, der sein freies Leben vielleicht vermisst, auch wenn das härter gewesen wäre…


Kernkompetenz: süß gucken!

Wanderreithalfter aus Mohair

Seit Jahren geistert eine Idee durch meinen Kopf: ist es möglich, ein Zaumzeug zu entwickeln, das sich wie ein Schnuren-Sattelgurt an die Körperform anschmiegt und eine ebenso erstklassige Druckverteilung bietet? Am Besten aus einem Naturmaterial wie Mohair: weich, leicht, langlebig, wasserabweisend und feuchtigkeitsabsorbierend.

Ich habe also in meinem Kopf einen Mohair-Schnurengurt, die in Osteuropa beliebten Schnurhalfter und meinen geliebten Multizaum zusammengeschmissen, ordentlich gerührt und dieses Wanderreithalfter ist dabei herausgekommen:

Passform und Aufbau vom MultizaumVerflechtung der Schnüre vom SchnurhalfterMaterial und Materialeigenschaft vom Schnurengurt

Wie bei allem, was man zum ersten Mal versucht, hat manches gut geklappt, manches weniger gut und ein paar Überraschungen waren auch dabei. 

Zunächst kann ich sagen, dass es sich in der Form (anders als mein Multizaum) NICHT als Sidepull eignet (außer man reitet so phantastisch, dass man das Zaumzeug sowieso nur zu Dekorationszwecken am Pferd hat). Das Nasenteil ist trotz einem recht stabilen Kern aus PP-Schnur so weich, dass man wenig Einwirkung auf das Pferd hat. Außerdem ist der ganze Zaum in sich so weich und leicht, dass er bei Zügeleinwirkung stark am Kopf verrutscht.

Hätte ich gewusst, dass ich den Zaum überwiegend mit Gebiss nutzen werde, hätte ich das Genickstück breiter gemacht. Nun gut, beim nächsten Mal! 

Wofür er sich ganz hervorragend eignet, ist ihn als Ersatzzaum auf Wanderritte mitzunehmen. Hat man, wie ich, einen Multizaum oder ein Wanderreithalfter, braucht man eigentlich kein Halfter mehr mitnehmen. Aber was tun, wenn der Zaum unterwegs zu Bruch geht? Ein Knotenhalfter kann da nur sehr eingeschränkt als Notfallersatz dienen. Reiten kann man damit, aber anbinden??? Mein Mohair-Zaum wiegt ohne Bithanger und Gebiss knapp 250 g und lässt sich ganz klein zusammenknäulen, ohne davon Schaden zu nehmen. 

Ein Nachteil, der für mich aber keine Bedeutung hat, ist, dass der Zaum nur maßangefertigt werden kann. Eine Größenanpassung ist nur am Kehlriemen und Stirnriemen möglich, Genick- und Nasenriemen haben eine feste Länge und lassen sich nicht verstellen.

Gekostet hat das Mohair 43€, ein großer Teil davon waren leider Versandkosten. Das Mohair habe ich bei https://www.equimohair.fr/ bestellt, Ringe und Schnallen hatte ich noch da.

Sisal-Putzhandschuh

Beim Discounter gab es kürzlich Sisal-Bindfaden im Angebot und da habe ich sofort zugeschlagen und daraus diesen Putzhandschuh gehäkelt:

Sisal-Putzhandschuh mit Merino Bündchen

Die Idee und Anleitung stammt aus einem meiner Lieblingsbücher „Pferdesachen selber machen“ und ist denkbar einfach. Man braucht:

  • Ca 40 m Sisal Bindfaden, Durchmesser ca 2 mm
  • Häkelnadel Größe 5
  • Einen Rest Merinowolle für das Bündchen

25 Maschen anschlagen, 6-7 Reihen Stäbchen häkeln (bis die gewünschte Höhe erreicht ist), das entstandene Rechteck in der Mitte falten und zwei Seiten mit festen Maschen schließen.

Da Sisal etwas starr und unregelmäßig ist, lässt es sich nicht besonders gut häkeln, dafür ist das Ergebnis schön rau.

Das Bündchen gibt besseren Halt an der Hand, das habe ich mit festen Maschen angesetzt und bis zur gewünschten Länge im Kreis gehäkelt.

Da mein Fernziel das Wanderreiten ist, wird jede meiner Kreationen gewogen und da war ich etwas überrascht. Auf einen Wanderritt wird mein Sisal-Putzhandschuh mit über 100 g mich wohl nicht begleiten, aber für zu Hause ist er auch schön 🙂

Rein nach Gewicht wird es wohl der bewährte Putzhandschuh bleiben!

Second Life

Second Life

Was macht man mit einem alten Western-Filz-Pad, einer alten Daumendecke, die Federn verliert und ein paar Stoffresten?

Natürlich ein Luxus-Bett für den Hund (oder die Katzen, je nach dem, wer‘s schneller entdeckt 😂)

Das Hundebett von unten, dort kann man das Filzpad rein und auch wieder raus tun.

Das Pad dient als Liegefläche und von der Daunendecke habe ich einen langen schmalen Streifen mit möglichst viel Füllung abgesteppt und abgeschnitten (Riesen-Sauerei, kann ich nur bedingt empfehlen). Die entstandene gut mit Daunen gefüllte „Wurst“ kommt in den Rand vom Hundebett.

Die Idee, das Pad als Hundebett zu nutzen, kommt übrigens nicht von mir, sondern aus diesem Artikel von Sattelmax:

Wer hat’s zuerst gefunden?

Zu schade zum Wegwerfen III – Reithose

Dieses Mal musste eine alte Reithose (verfleckt, ausgebeult, zu eng) dran glauben. Sie wurde zerschnitten und zwei nicht ganz so alte Reithosen haben eine praktische Handytasche am Bein bekommen. Zusätzlich wurde eine Reithose etwas weiter gemacht, dazu habe ich den elastischen Beinabschluss der alten Reithose genutzt.

Zwei Reithosen bekommen praktische Taschen.

Ich bin sehr glücklich mit meinen gepimpten Reithosen und als nächstes wird eine bequeme Jeans mit dem Besatz (der ja noch da und völlig intakt ist) zur Reithose umgewandelt. Ich freue mich schon darauf!

26.12.2024

Upcycling Reithose
Ich habe es getan…

„Tödliche Reitkunst“

Historischer Roman von Sandra Will

Ich mag keine Krimis, wenn ich mich grausen will, schaue ich Nachrichten. Da gibt’s genug Mord und Totschlag, das muss man sich nicht noch ausdenken…dachte ich.

Bis mir „Tödliche Reitkunst“ von Sandra Will über den Weg gelaufen ist. Titel und Inhaltsbeschreibung haben mich so neugierig gemacht, dass ich mir das Buch zu Weihnachten gewünscht habe. Vor allem hat mich eine literarische Darstellung vom Leben und der Zeit von François Robichon de la Guérinière interessiert und ich wurde nicht enttäuscht. Ich bin kein Historiker, aber die Beschreibung der Zeit und Lebensweise erscheint mir schlüssig und realitätsnah. Und dass Sandra Will seit vielen Jahren Reitlehrerin ist und beim Thema ‚Pferd‘ weiß, wovon sie redet, zeigt sich deutlich in ihrem Werk. 

Darüber hinaus ist das Buch einfach toll: wunderbar geschrieben, großartige, vielschichtige Charaktere, eine spannende Geschichte, Liebe, Leidenschaft, verletzte Gefühle, das Leben in seiner ganzen Fülle und ja, auch grausames bis hin zum Mord. 

Jetzt muss ich wohl meine Meinung über Krimis gründlich revidieren. Zum Glück ist das Buch so dick und schwer, dass man es unmöglich in einer Nacht lesen kann, sonst hätte ich es getan. So habe ich es langsam und mit großem Genuss gelesen. Und ich kann es allen Pferdebegeisterten, Liebhabern der akademischen Reitkunst, Krimifans, Leseratten und eigentlich auch allen Anderen nur sehr ans Herz legen 🙂

Überdies ist es ein Debutroman, es werden also weitere folgen. Ich bin gespannt und mit Sicherheit auch Leserin des nächsten Buches!

Regenreitrock

Regenreitrock

Pferdefrau unterwegs“ Maren Brümmer hat mich mit ihrem YouTube Video „Regenschutz für Wanderreiter und Reiter – was funktioniert – was nicht? |Ausrüstung Wanderreiten“ auf die Idee gebracht, mir einen Regenreitrock zu nähen. Und da ich keine Anleitung hatte, habe ich selbst ein Design entworfen und zeige hier die Entstehung meines ersten Reitrocks.

Zunächst habe ich ganz viel YouTube geschaut, alle möglichen Reitrock-näh-Tutorials. Irgendwo hieß es: Taillenumfang geteilt durch 6,28 ergibt den Radius für das Loch in der Mitte. Bei mir hat das irgendwie hingehauen. 

Aus einem alten Bettlaken habe ich einen Prototyp erstellt. Das Schöne an alten Bettlaken ist, dass man einfach mal irgendwie zurechtschneiden, ausprobieren, wieder drannähen und sich Notizen direkt auf dem Stoff machen kann. 

Nach zwei Proberitten in ein altes Bettlaken gehüllt (ich glaube, die Waldspaziergänger fanden mein Outfit irgendwie merkwürdig) ging’s ans Stoff kaufen. 

Da ich den Stoff gerne anfassen wollte, bin ich ins größte Stoffgeschäft in der Umgebung gefahren. Dort gab es dann genau zwei wasserdichte Stoffe. Gut, dann fällt das Entscheiden leichter. 

Ich habe mich trotz 200g/qm für den gelben Stoff mit den kleinen Ankern entschieden. Der fühlt sich gut an und man muss nicht säumen, da nichts ausfranst. Der andere wäre deutlich leichter, aber auch flatteriger und schwieriger zu verarbeiten gewesen. 

Dummerweise war ich mit meiner kleinen Tochter im Stoffgeschäft, so dass ich, bevor es mit meinem Reitrock weiter ging, erstmal ein Einhorn-Kleid nähen musste… 

Beim Verarbeiten des schönen, gekauften Stoffes hatte ich vor lauter Aufregung einen kleinen Blackout. Die simpelsten Grundlagen des Nähens sind mir entfallen. So habe ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung (war auch spät abends) den Schnitt vom Prototyp mit Kugelschreiber auf die Vorderseite vom Stoff übertragen. Jetzt sind teilweise Linien auf meinem Rock! Ich fasse es nicht. Auch bedurfte es zwei Gläser Rotweins, um die Schere in die Hand zu nehmen und zuzuschneiden. Dabei war der Stoff garnicht so teuer: bei 135 cm Breite habe ich 2 m gekauft, das macht 32,-€.

Außerdem war ich gründlich vorbereitet: auf einem kleinen Stoffstreifen habe ich das Nähen, die selbstklebenden Klettbänder und Sekundenkleber getestet. Sekundenkleber habe ich letztendlich nicht benutzt, wäre aber auch gegangen.

Schnittmuster Regenreitrock
Mein Stoff war 200 x 135 cm groß und weil der Rock nicht ganz rund, sondern irgendwie ellipsenartig ist, hat er genau gepasst.

Das Schnittmuster ist letztendlich recht simpel: es ist ein ganzer Tellerrock (also der gesamte Kreis) mit einem Loch in der Mitte. Die Seiten sind bei mir etwas länger, das kann man nach eigenem Belieben und der Größe des Stoffes variieren. Aus dem „Teller“ habe ich für das Vorderteil ein Stück herausgeschnitten, das ein bisschen größer ist als ein Viertel. Die beiden kleinen „Halbmonde“ kommen später um das Knie und werden mit Klett fixiert. Der Rechteckige Streifen wird als Bund angesetzt und ein breites Gummiband mit Verschluss hindurch gezogen. Das Gummiband habe ich im Bund hinten mit einer Naht fixiert, damit es nicht raus rutschen kann. 

Der „Latz“ wird an den Bund geklettet und sitzt damit etwas höher. Dadurch überlappt er den Rock an den Oberschenkeln und der Regen kann nicht zwischen Bein und Sattel laufen. Bei mir ist das Vordergepäck mit dem Latz gut abgedeckt. 

Fast alle Klettbänder sind geklebt, mal schauen, wie lange das hält. Wenn man sie aufnähen möchte, muss man Nahtversiegelungsband verwenden, damit die Naht wasserdicht ist. Wie das geht, konnte mir nicht mal die unfassbar nette und geduldige Fachverkäuferin im Geschäft erklären, deshalb habe ich das erstmal gelassen.

Es ist sinnvoll, sich mit dem halbfertigen Rock schon mal auf’s Pferd zu setzen und zu schauen, ob alles sitzt. Zum Beispiel habe ich die beiden langen Klettbänder am Latz zu Hause aufgeklebt, die beiden Klettbänder am Rock selbst aber direkt auf dem Pferd sitzend. So schließt der Klett in der sitzenden Position optimal.

Reitregenrock
Erster Proberitt (leider ohne Regen).

Nach diesem ersten Proberitt habe ich noch einige Veränderungen vorgenommen:

Den Ausschnitt von den beiden Halbmonden am Latz (das sieht man auf dem Bild ganz schön, dass der offen ist und meine Tasche rauslugt) habe ich zugenäht. Auf der Schnittmusterzeichnung ist das die kleine Wellenlinie. Das ergibt dann zwei „Tütchen“, das sieht merkwürdig aus, ist aber in der Praxis nicht schlecht:

Ich habe den Klettstreifen am Bein mit dem Besatz einer alten Reithose ummantelt. Hatte ich beim ersten Ritt noch Kratzer vom Klettband auf den Fendern, war das Problem mit dieser kleinen Veränderung gelöst:

Beim Absteigen ist der Latz abgegangen und irgendwie auf dem Sattel liegen geblieben. Das hat mich zum Einen sehr beruhigt, denn wenn man unfreiwillig absteigt (also vom Pferd stürzt) würde man zumindest mit dem Latz nicht am Pferd hängen bleiben. Zum Zweiten hat es mich auf die Idee gebracht, den Latz noch ein kleines bischen zu modifizieren, so dass man ihn als behelfsmäßigen Sattelregenschutz nutzen kann, wenn man das Pferd ein Stück führen möchte. Dazu habe ich mittig am Bund vom Latz ein Haargummi festgenäht. Damit kann man den Latz am Sattelhorn festmachen. Zusätzlich habe ich am Saum vom Latz ein Gummiband eingenäht, dieses lässt sich über das Cantle (Hinterzwiesel) streifen und gibt dem Latz hinten etwas Halt.

Das Haargummi ist auch sehr praktisch beim An- und Ausziehen vom Rock: Der Latz hängt sicher am Horn und kann nicht verloren gehen, solange man die Hände braucht, um den Rock anzuziehen.

Mit der richtigen Falttechnik wird aus dem Rock ein kompaktes Paket:

Reitregenrock Packmaß
Das fertige Rockpäckchen mit Gummiband drum wiegt 520 g.

Packmaß und Gewicht treffen nicht ganz meine Vorstellungen, der Rock wiegt 520 g und ist auch zusammengerollt noch recht groß. Für einen richtigen Wanderritt ist das zu schwer und zu groß, aber für Ausritte in den heimischen Gefilden absolut perfekt. Ich bin sehr glücklich mit meinem farbenfrohen Rock.

Einen Beutel, um den Rock zu verstauen und den ich auch an meinem Sattel befestigen kann, habe ich noch dazu genäht, aber den zeige ich im nächsten Beitrag…