Seit Jahren geistert eine Idee durch meinen Kopf: ist es möglich, ein Zaumzeug zu entwickeln, das sich wie ein Schnuren-Sattelgurt an die Körperform anschmiegt und eine ebenso erstklassige Druckverteilung bietet? Am Besten aus einem Naturmaterial wie Mohair: weich, leicht, langlebig, wasserabweisend und feuchtigkeitsabsorbierend.
Ich habe also in meinem Kopf einen Mohair-Schnurengurt, die in Osteuropa beliebten Schnurhalfter und meinen geliebten Multizaum zusammengeschmissen, ordentlich gerührt und dieses Wanderreithalfter ist dabei herausgekommen:
Passform und Aufbau vom Multizaum – Verflechtung der Schnüre vom Schnurhalfter – Material und Materialeigenschaft vom Schnurengurt
Wie bei allem, was man zum ersten Mal versucht, hat manches gut geklappt, manches weniger gut und ein paar Überraschungen waren auch dabei.
Zunächst kann ich sagen, dass es sich in der Form (anders als mein Multizaum) NICHT als Sidepull eignet (außer man reitet so phantastisch, dass man das Zaumzeug sowieso nur zu Dekorationszwecken am Pferd hat). Das Nasenteil ist trotz einem recht stabilen Kern aus PP-Schnur so weich, dass man wenig Einwirkung auf das Pferd hat. Außerdem ist der ganze Zaum in sich so weich und leicht, dass er bei Zügeleinwirkung stark am Kopf verrutscht.
Hätte ich gewusst, dass ich den Zaum überwiegend mit Gebiss nutzen werde, hätte ich das Genickstück breiter gemacht. Nun gut, beim nächsten Mal!
Wofür er sich ganz hervorragend eignet, ist ihn als Ersatzzaum auf Wanderritte mitzunehmen. Hat man, wie ich, einen Multizaum oder ein Wanderreithalfter, braucht man eigentlich kein Halfter mehr mitnehmen. Aber was tun, wenn der Zaum unterwegs zu Bruch geht? Ein Knotenhalfter kann da nur sehr eingeschränkt als Notfallersatz dienen. Reiten kann man damit, aber anbinden??? Mein Mohair-Zaum wiegt ohne Bithanger und Gebiss knapp 250 g und lässt sich ganz klein zusammenknäulen, ohne davon Schaden zu nehmen.
Ein Nachteil, der für mich aber keine Bedeutung hat, ist, dass der Zaum nur maßangefertigt werden kann. Eine Größenanpassung ist nur am Kehlriemen und Stirnriemen möglich, Genick- und Nasenriemen haben eine feste Länge und lassen sich nicht verstellen.
Gekostet hat das Mohair 43€, ein großer Teil davon waren leider Versandkosten. Das Mohair habe ich bei https://www.equimohair.fr/ bestellt, Ringe und Schnallen hatte ich noch da.
Viele Jahre habe ich davon geträumt, jetzt hat es endlich geklappt: Dirk, Bonni, Tammi und ich haben unseren ersten Wanderritt gemacht!
Und es war so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte! Am liebsten würde ich gleich wieder losreiten…
Tag 1
Gestartet sind wir bei uns am Stall. Am ersten Tag sind wir ins Fischbachtal zur Tannenhof-Ranch geritten. Die Route habe ich in Komoot geplant und mit der Wanderreitkarte abgeglichen. Eine riesen Hilfe war dabei die tolle Anleitung von „Pferdefrau unterwegs„. Auch die Packliste als Excel Datei ist großartig! Beides hat mir die Vorbereitung erheblich erleichtert und dafür gesorgt, dass wir gut vorbereitet waren und unsere Tour unbeschwert genießen konnten.
Eine entspannte Mittagspause haben wir bei „Wolter’s Auszeit“ eingelegt. Ich hatte vorher angerufen und uns schon mal angekündigt, so dass wir wussten, dass Pferde mitgebracht werden dürfen.
Gemütliche Pause für Pferd……und Reiter.
Die größte „Herausforderung“ auf der ersten Etappe war eine Furt durch ein Bächlein. Ich musste zwar voran gehen, aber dann ist Tammi brav gefolgt und auch Bonni hat ihre Skepsis überwunden.
Die reißenden Fluten 😉So schön, dass man’s kaum glauben kann (ich habe nur ein winziges bisschen nachbearbeitet)
Auf der Tannehof-Ranch haben wir uns sehr wohl gefühlt. Wir wurden freundlich empfangen und es war alles da, was wir brauchten. Zwei Boxen waren üppig mit Stroh und Heu ausgestattet und unsere Ponys haben gesoffen, gefuttert und sich zum Schlafen abgelegt. Das Heu war von sehr schöner Qualität und wir durften es für unsere beiden Hustenponys anfeuchten. Auch die Reithalle durften Tammi und Bonni zum Wälzen nutzen.
Reithalle mit Ausblick!
Dirk und ich hatten ein schönes, sauberes Zimmer mit Bad und im Hof gibt es eine kleine Schaukel-Bank, auf der wir, nachdem die Ponys versorgt und zufrieden waren, glücklich vor uns hin geschaukelt haben. Bis auch uns der Hunger gepackt hat und wir im Restaurant Dhillon sehr lecker indisch essen waren.
Gute Nacht ihr Zwei!
Sehr praktisch: auf den mobilen Sattelböcken von der Tannenhof-Ranch konnten wir unsere Ausrüstung sauber und sicher verstauen.
Tag 2
Nachdem wir die Ponys mit Kraftfutter, Heu und Wasser versorgt hatten, gab es für uns Frühstück. Petrus war wild entschlossen zu prüfen, ob meine Packliste für alle Wetterlagen das Passende bereit hält: nach dem sonnigen Tag gestern war Regen angekündigt, so dass die Fliegendecken in die Packtaschen mussten und das Regenzeug obenauf. Hat alles gepasst und die Ponys waren beim Satteln und Packen vorbildlich!
Wege und Landschaft waren wunderschön und Tammi und Bonni sind gut vorwärts gelaufen.
Für die Mittagspause hatte ich den Landgasthof „Zum schönen Wiesengrunde“ ausgewählt. Eine gute Wahl, die Inhaberin hat sich wirklich außergewöhnlich viel Mühe gemacht: einige Tage im Voraus hat sie beim Landwirt nachgefragt, ob wir die Pferde auf seiner Wiese grasen lassen dürfen (durften wir nicht, die Wiese stand kurz vor der Heuernte, da hätte ich auch niemanden drauf gelassen). Also haben wir die Ponys ein paar Kilometer vorher sich satt futtern lassen (an einer garantiert nicht bewirtschafteten Waldlichtung) und haben sie am Landgasthof auf dem Parkplatz geparkt.
Zwei Schmucker bitte!
Bier gab’s keins für Bonni und Tammi, dafür Wasser aus dem Putzeimer (mein Falteimer hatte nicht mehr ins Gepäck gepasst). Den Eimer musste ich dreimal auffüllen lassen, was das Personal geduldig getan hat und selbst das Essen wurde uns auf dem Parkplatz serviert.
Der Pfannkuchen mit Gemüse und Schafskäse sieht nicht nur toll aus, sondern schmeckt auch herrlich!
Nachdem die Damen eingesehen hatten, dass es weder Bier noch Futter gibt und auch sonst nix interessantes passiert, haben sie sich ausgeruht und gedöst (wie sich das für ein richtiges Wanderreitpferd gehört).
Etwa 3 Kilometer vor unserem Ziel zog ein Gewitter auf und der angekündigte Regen fiel erst tropfenweise, dann als richtiger Regen und zum Schluss in einer Art Sturzflut vom Himmel. Irgendwann zwischen Regen und Sturzflut hätten wir laut Routenplanung vom Waldrand auf’s offene Feld abbiegen müssen. Und genau in diesem Moment sehe ich aus dem Augenwinkel eine Schutzhütte. Wir haben zu viert gerade so rein gepasst und waren verdammt froh, das Unwetter vom sicheren Unterstand aus vorüberziehen zu sehen.
In Ober-Ostern durften Tammi und Bonni die Nacht auf der Wiese neben den Schafen verbringen und wir haben es uns bei Freunden gemütlich gemacht. Am nächsten Tag ging es mit dem Hänger nach Hause.
Was mich besonders froh macht: beide Pferde sind in guter Verfassung am Ziel angekommen. Keine Anzeichen von Stress, Erschöpfung, Druck- oder Scheuerstellen. Offensichtlich hat die sehr lange Vorbereitungszeit auch ihr Gutes.
Wunderschön und viel zu kurz war unser erster Wanderritt. Wenn ich vorher immer das vage Gefühl hatte, dass das mein absoluter Traum sein könnte, so weiß ich es jetzt mit Gewissheit! Ich brenne jetzt schon darauf, die Packtaschen auf’s Pony zu schnallen und auf die nächste Tour zu starten.
Weitere Details und Fotos gibt’s gerne auf Anfrage.
Warnhinweis: Wanderreiten kann süchtig machen!!! 🙂
Pflegeleicht und Farbenfroh: Biothane ist das perfekte Zaummaterial für Kinder. Ein Multizaum sollte es sein, damit Kind nur einmal ein Kopfstück anziehen muss und dann anbinden, führen und reiten kann. Zwar kann und will meine Tochter noch gar nicht reiten, aber es schadet nie, gut vorbereitet zu sein. So habe ich die Anleitung für den Multizaum von Nordfalben gekauft und habe beim Material meine 5-jährige Tochter alle Farben völlig frei wählen lassen, in der Hoffnung, dass sie dann auch Spaß am Benutzen hat. Der Plan ging nur zur Hälfte auf: zwar hat meine Tochter immernoch keine Lust zu reiten, aber ich selbst habe so einen Spass an dem bunten Teil, dass ich im Moment mit nichts anderem mehr reiten möchte.
Die Anleitung habe ich ein kleines bisschen abgewandelt und zeige euch hier wie mein Multizaum geworden ist. Dazu habe ich mir die passenden Bithanger gemacht.
Zum Abmessen habe ich wie in der Anleitung beschrieben die Maße genommen, aber zusätzlich mit einem Seil den Multizaum am Kopf geknotet. So konnte ich am Schreibtisch in aller Ruhe die einzelnen Längen noch mal nachprüfen.
Da Biothane ein sehr leichtes Material ist, sind die Schnallen im Verhältnis dazu recht schwer. Sitzt die Schnalle vom Genickstück auf der linken Seite, so hat man drei Schnallen links am Kopf (Kinnriemen, Genickriemen und Kehlriemen haben eine Schnalle/Karabiner) und der Zaum zieht nach links unten. Darum habe ich die Schnalle vom Genickstück einfach auf die rechte Seite des Zaums gemacht. Da ich den Zaum nur für ein Pferd nutze, muss ich diese Schnalle sowieso nicht besonders häufig öffnen und schließen.
Ebenfalls aus Gewichtsgründen habe ich mich als Gebiss für das Beris Bit aus Kunststoff entschieden. So hat das Gebiss selbst wenig Gewicht und mein Pferd ist mit diesem Gebiss sehr zufrieden. Sie mag keine gebrochenen Bits, ist aber vom Ausbildungsstand noch nicht weit genug für eine Stange, so dass die biegsame Kunststoffstange ein guter Kompromiss ist.
Da, wenn ich die Zügel mal deutlich annehmen musste, der Genickriemen nach hinten gerutscht ist, habe ich aus einem schmalen Streifen Biothane einen Stirnriemen ergänzt.
Kinn- und Genickriemen haben einen selbstgehäkelten Schoner aus Merino-Filzwolle bekommen. Beim Kinnriemen-Schoner habe ich in der Mitte einen Schlitz für den Anbindering gelassen.
Rückblickend würde ich noch eine kleine Veränderung vornehmen. Mir fehlt der kleine diagonale Riemen, den Sidepulls häufig aufweisen, damit der Nasenriemen nicht nach unten rutscht.
Dieser kleine Riemen ist gemeint.
Man sieht es auf diesem Bild, dass er runter rutscht und eigentlich zu tief kommt:
Da würde ich ein kurzes Stück Paracord an dem PP-Seil-Kern festnähen. Das würde beim Umflechten dann raus schauen und man könnte es durch ein kleines Loch am Backenriemen ziehen und mit einem Knoten fixieren.
So in etwa stelle ich mir das vor…
Hätte, hätte, Fahrradkette, vielleicht fällt mir (oder einer/m meiner Leser*innen) noch eine andere Lösung ein.
Die Zügel habe ich aus den gleichen Paracord-Schnüren geflochten, wie die Umflechtung des Sidepulls. Die Anleitung für die Flechtzügel stammt aus dem Buch „Ausrüstung selbst gemacht“ von Andrea Adrian. Ich bin mit dem look und feel der Zügel super zufrieden! Sie liegen toll in der Hand, sind weich, aber nicht schlabberig, einfach genial. Hier kann ich wirklich Paracord statt PP-Schnur empfehlen! Ich werde für meinen Mann nochmal neu flechten müssen, der hat die Flechtzügel nämlich aus PP-Schnur, das liegt nicht ganz so schön in der Hand.
05.06.2024 Ich habe endlich den diagonalen Riemen ergänzt:
Aus einem Reststück Paracord Schnur habe ich die Seele entfernt und es straff um das Nasenteil zusammengenäht. In die Backenriemen habe ich zwei Löcher gemacht und die Schnur hindurchgezogen. Das hält sehr gut, zum Fixieren kommt noch ein Knoten ins Seil.
Die Länge der Seile lässt sich sogar noch variieren und ich bin endlich zufrieden mit meinem Multizaum.
30.12.2025
Sollbruchstelle
Die Ausrüstung fürs Pony sollte im normalen Gebrauch sicher halten, aber mir ist eine „Sollbruchstelle“ sehr wichtig. D.h. unter extremer Belastung, z.B. wenn‘s Pony sich in der Ausrüstung vertüdelt, ist es mir lieber, wenn das Material nachgibt, als dass Tammi sich ernsthaft verletzt. Bei selbstgemachter Ausrüstung ist das mit der Sollbruchstelle so eine Sache: man kann sie einplanen, aber nur schwer testen, wenn man sein Werk nicht gleich zerstören möchte…
Vorgestern hat Tammi dann den Test selbst vorgenommen, indem sie auf den am Halfterring befestigten Zügel getreten ist. Ich weiß nun, dass Karabiner und Naht der Zügel im Ernstfall nachgeben.
Schön zu wissen und dann habe ich auch was zu reparieren zwischen den Jahren. Könnte ja sonst langweilig werden 😂
Tammi trägt ihr neues Reithalfter scheinbar gerne, zumindest lässt sie es sich ohne Protest anziehen. Also habe ich noch eine kleine Modifikation vorgenommen. Dieses kleine Teil eines alten Stallhalfters:
kommt in meine Ausreitpacktasche und mit ein paar Handgriffen wird das Reithalfter zum schönen, stabilen Lederhalfter: