Ein Familienmitglied habe ich hier noch nicht vorgestellt und das hat viele Gründe. Aber jetzt endlich werde ich das Versäumte nachholen und Wilmas Geschichte erzählen:
Im Oktober 2022 hat mein Mann sich den großen Wunsch nach einem Hund erfüllt und eine Mischlingshündin aus Bulgarien vom Tierschutz erworben. Wir haben das kleine Häufchen Angst und Elend, das sich am ganzen ersten Tag im Bad verkrochen hatte und nicht mehr heraus kam, Wilma genannt.

In den vergangenen zwei Jahren hat Wilma sich tief in mein Herz geschlichen, obwohl wir beide keinen guten Start hatten. Im Oktober 2022 hatte ich nämlich ganz andere Pläne und Ideen, in die ich Zeit und Energie investieren wollte. Das habe ich meinem Mann auch deutlich gesagt, aber irgendwie muss er das wohl überhört haben. Auch hielt ich schon damals wenig davon, im Namen des „Tierschutzes“ Hunde aus Rumänien, Bulgarien, etc. nach Deutschland zu karren. Eine Einstellung, die sich durch die Erfahrungen mit Wilma eindeutig bestätigt hat.
Während ich diesen Text schreibe, liegt sie (mit gebührendem Abstand) neben mir auf dem Sofa und wenn ich sie ansehe, quillt mein Herz über vor Zuneigung zu diesem zarten, sensiblen Hundemädchen. Trotzdem hätte ich mir (und ihr) so manche Erfahrung gerne erspart…

Im November 2024 hat Wilma sich endlich überwunden und kommt zu uns auf das Sofa…
Über Wilmas ersten sechs Lebensmonate wissen wir wenig: Laut Tierschutzorganisation hat Wilmas Mutter ihre Jungen in die Nähe des Shelters gebracht, weil die Hunde dort häufig gefüttert werden. Wilmas Mutter und ihre Geschwister wurden dort mit Futter angelockt und eingefangen, nur Wilma und ihre Schwester sind wohl entwischt und konnten erst nach etlichen Versuchen und einige Zeit später eingefangen und ins Shelter gebracht werden. Angeblich waren die zwei Welpen bis zum Einfangen zwei Wochen lang auf sich gestellt, aber das kann in Anbetracht des Alters der jungen Hunde kaum sein.
Wilma erzählt uns eine ganz ähnliche Geschichte: geht ein Mensch in die Hocke, spricht freundlich und bietet ihr Futter an, so wird sie starr vor Angst. Sie anzufassen ist in dieser Konstellation unmöglich, sie lässt nicht einmal uns nah genug heran und springt reflexartig weg. Futter aus der Hand zu nehmen bereitet ihr Stress und sie ist in unserer Gegenwart selten absolut entspannt.
Interessanterweise hat sie sich von Anfang an völlig frei zwischen stehenden Menschen bewegt (solange niemand sie anschaut). Seit etwa einem Jahr kommt sie, wenn ich erhöht sitze (also z.B. auf einem Stuhl) und keine Absicht habe, zu mir und lässt sich anfassen und streicheln. Sobald ich eine Intention habe (ich möchte eine Zecke entfernen, anleinen, egal was), kommt sie auf keinen Fall nah genug zum Anfassen.
Im ersten Jahr war Wilma ein zutiefst unglücklicher Hund, nur mit anderen Hunden wirkte sie gelöst, dann war es sogar mitunter möglich, sie zu streicheln. Ich war in dieser Zeit sehr frustriert und hatte schon überlegt, ob Hunde Depressionen oder Autismus haben können. Aber ich glaube, sie war einfach traumatisierte. Die einzige Möglichkeit sie zu berühren bestand, wenn sie in ihrem Körbchen lag oder angeleint war.

Nur entspannt im Spiel mit Hunden oder im Körbchen.
Da ich im Homeoffice arbeite, habe ich viel Zeit mit ihr verbracht (und viel mit meinem Mann gestritten, weil ich ja eigentlich andere Pläne hatte). Ich kann nicht mehr sagen, wann ich sie zum ersten Mal berührt habe, ohne dass sie ganz starr vor Angst war. Aber es war definitiv Monate nach ihrer Ankunft bei uns.
Ich bin ein großer Fan der positiven Verstärkung und ich habe lange darüber nachgedacht, was bei diesem Hund denn ein positives Gefühl auslösen könnte. Womit bestärkt man ein Lebewesen, das sowohl bei Berührung, als auch bei Futter in totalen Stress gerät? Letztendlich war es das Abwenden, den Fokus von ihr zu nehmen, was ich als positiven Verstärker eingesetzt habe. Für mich eine extreme Überwindung, mich einfach nur abzuwenden, wenn ich ihr doch zeigen wollte, wie toll sie ist und wie lieb ich sie habe. Aber offensichtlich der richtige Weg, denn ganz langsam hat sie Vertrauen zu mir aufgebaut.
Welch ein Glück, dass Wilma so ein sanftes Wesen hat. In all ihrer Angst hat sie nur in zwei Extremsituationen nach meinem Mann geschnappt. Bisher hat sie sich überwiegend sehr defensiv gezeigt, ist freundlich zu unserer Tochter (vor Kindern hat sie nämlich keine Angst), den Katzen und anderen Hunden. Auch zeigt sie glücklicherweise keinen Jagdtrieb und mit den Pferden kommt sie hervorragend klar. Tatsächlich läuft sie von Anfang an so souverän am Pferd, als ob sie das bereits gelernt hätte.

Souverän am Pferd…
Es ist ein Balance-Akt, ihr etwas beizubringen. Sobald sie spürt, dass ich etwas vor habe, gerät sie in Stress und dann war’s das mit denken und lernen. Schafft man es, eine entspannte Situation zu schaffen und hat man die Geduld, das Ende der „oh mein Gott, sie will was von mir und ich weiß nicht was, ich muss jetzt gleich sterben“ Phase abzuwarten, dann ist es möglich, ihr etwas beizubringen. Noch besser lernt sie aber „on the Job“. Im Sommer 2023 war mein Mann mit unserer Tochter im Urlaub und in dieser Woche habe ich es (auch aus Zeitgründen) zur Gewohnheit gemacht, sie zum Pferde raus bringen und rein holen mitzunehmen. Die Abläufe hat sie (an der Leine geführt) so sehr verinnerlicht, dass ich sie heute auch ohne Leine mitnehmen und körpersprachlich anleiten kann. Dafür mussten wir keine Kommandos lernen, sie hat es einfach verstanden.

On the Job: wir bringen die Pferde raus…
Ab Sommer 2024 habe ich für vier Monate Relax Time von mammaly gefüttert und das hat wirklich etwas verändert. Menschen am Hof (die nichts von dem Zusatzfutter wussten) haben mich angesprochen, dass Wilma aufgeschlossener wirkt. Tatsächlich kann ich mittlerweile mit Futterlob arbeiten, in gewohnten Situationen nimmt sie das Leckerchen an und freut sich sogar darauf. Wir haben riesige Fortschritte gemacht (riesig aus der Perspektive der 1 1/2 Jahre davor): sie hat das Kommando „Sitz“ erlernt und traut sich die Treppe hinauf in den ersten Stock unseres Hauses. Lag sie zuvor meist alleine im unteren Stockwerk (es hat mir schier das Herz zerrissen, ein Hund lebt doch eigentlich im Rudel mit Körperkontakt), kommt sie nun gelegentlich rauf zu uns auf’s Sofa. Natürlich nur, bis jemand eine unbedachte Bewegung macht…
Viel geholfen hat mir auch dieses Video von Hundsfaelle: Es hat mir ein breiteres Verständnis für die verschiedenen Hundetypen aus Osteuropa gebracht. Auch wurde mein diffuses Gefühl, dass es für den Tierschutz wenig bringt, einzelne Individuen nach Deutschland zu bringen, in für mich total einleuchtende Worte gefasst.
Ich habe nicht das Gefühl, dass Wilma sich gerettet fühlt. Ich würde sagen, sie fühlt sich entwurzelt. Oft schaut sie sehnsüchtig den Katzen nach, die rein und raus dürfen, wie sie möchten, und versteht nicht, warum sie nicht herumstromern darf. Sie ist nach wie vor nicht souverän, kleine Abweichungen von Routinen verunsichern sie. Sie hat glückliche Momente und beginnt, sich in unserer Gegenwart zu entspannen. Aber das war und bleibt ein verdammt langer Weg…
Wer sich für einen importierten Hund aus dem Tierschutz entscheidet, sollte bereit sein, sehr viel Zeit und Geduld zu investieren. Ein gut sozialisierter Ersthund ist vermutlich eine gigantische Erleichterung. Und man sollte sich sehr bewusst sein, dass es (in den meisten Fällen) eine egoistische Entscheidung ist: man nimmt einen Hund aus dem Tierschutz, weil man sich als Gutmensch fühlen möchte, weil man sich was beweisen will (ich kann jeden Hund managen), weil man preisgünstig einen süßen Hund sucht. Das ist ok, aber bitte erwarte keine Dankbarkeit von einem Hund, der sich nicht ausgesucht hat, „gerettet“ zu werden, der seine Veranlagungen und Fähigkeiten in seinem neuen zu Hause eventuell nicht ausleben kann, der sein freies Leben vielleicht vermisst, auch wenn das härter gewesen wäre…

Kernkompetenz: süß gucken!
Hallo, eigentlich bin ich durch das Schnittmuster des Regenreitrockes auf deine Seite gelangt. Beim Stöbern habe ich dann deine Geschichte und Gedanken zum Thema Hund retten aus dem Tierschutz entdeckt. Ich danke dir für deinen Text und bin zu 100% bei dir. Künftig werde ich leichter argumentieren können, wenn ich gefragt werde, warum wir uns für einen Labrador von einem guten deutschen Züchter entschieden haben, und nicht einen Straßenhund aufgenommen haben. Danke und alles Gute. Alexandra
Liebe Alexandra,
es freut mich, dass mein Text dir gefällt und dir etwas bringt.
Ein weiteres wichtiges Argument für ein Tier von einem guten Züchter kommt in meinem Beitrag garnicht vor: ein verantwortungsvoller Züchter steckt sehr viel Liebe, Zeit und Fachwissen in seine Tiere (Natürlich gibt es überall schwarze Schafe und ich rede hier nicht von Leuten, die mit Mode- und Qualzüchtungen schnelles Geld machen wollen). Und diese Menschen möchten auch ein Einkommen finden. Mit dem Kauf bei einem sorgfältig ausgewählten Züchter, der gesunde Tiere züchtet und diese von Angang an liebevoll auf ihr Zusammenleben mit dem Menschen vorbereitet, unterstützt man diese Menschen und das finde ich auch ganz wichtig!
Alles Liebe,
Stephanie